fabfamily.de - Fiona, Anke & Bernd

Januar
2016

Nicaragua, Granada
¡vamos a la escuela!
Januar 2016

Über das Leben in Nicaragua und wie es ist wieder die Schulbank zu drücken

¡vamos a la escuela!

Es war fast dunkel, als wir nach einer kurzen Fahrt durch Granada bei unserer Gastfamilie abgesetzt wurden. Das Haus der 5-köpfigen Familie war recht klein und unser Zimmer für die nächsten Wochen war noch kleiner und zu dem auch noch fensterlos. Aber das war für den Anfang erst mal egal. Wir waren hauptsächlich froh darüber, endlich heile in Granada angekommen zu sein.

Fatima, die Mutter der Familie, war bemüht sehr langsam – aber eben doch nur in spanisch – zu sprechen. Ihre erste Frage an uns verstanden wir – im zweiten Anlauf – sogar schon. Die ausführliche Antwort lag natürlich sofort in meinem Kopf parat und musste nur noch in’s Spanische übertragen werden.
Ich suchte nach einer Übersetzung für das erste relevante Wort. Aber nach kurzer, angestrengter Suche in allen Ecken meines Kopfes musste ich feststellen, dass da nichts passendes zu finden war. Etwas Gestammel später versuchte ich beim nächsten Wort einzusetzen, mit ähnlichem Resultat. Ich beschloß meine geplante Ausführung zu reduzieren – auf ein beinahe ebenso aussagekräftiges, wenn auch inhaltlich nicht ganz korrektes: „no…“.

Der Fernseher ist bei unserer Gastfamilie allgegenwärtig......und läuft immer.

Fiona findet die Dauerberieselung super!Das Badezimmer der Familie Gomez

Die Gastfamilie und ihre Fernseher

Wie wir schon am nächsten Tag feststellten, spielte sich das Leben bei Familie Gomez größtenteils vor dem Fernseher ab. In dem kleinen Haus waren gleich vier davon verteilt.
Das Erste was Fatima morgens machte, war den Fernseher für die Kinder einzuschalten. Und zwar zwei gleichzeitig – in einem Raum. Die beiden Fernseher standen versetzt an den Wänden gegenüber, so dass die Kinder auf zwei unterschiedlichen Kanälen verschiedene Cartoons schauen konnten („Cartoon Network“ & „Disney Channel“). Fiona fand das super. Mit dem Schaukelstuhl in der richtigen Position konnte sie sogar mit nur leichten Kopfbewegungen auf beiden Fernsehern gucken. Wir machten uns sorgen, dass wir in unserer Zeit hier Fionas Fernseh-Konsumverhalten endgültig und ein-für-alle-mal versauen würden…

Die Mahlzeiten wurden den Kindern Carlito, Danny & Sarai von Fatima direkt vor dem Fernseher gereicht. Vor dem offenem Mund wartete die Gabel dann meist einige Minuten, bis wieder ein spannender Moment vorüber war und das Essen endlich im Mund verschwinden durfte. Breitgrinsend machte Fatima uns verständlich, dass in Nicaragua der Fernseher die Erziehung übernimmt.
Wir erfuhren übrigens auch von ihr, dass es durchaus üblich sei kleinen Kindern schon Kaffee zu geben. Milch sei sehr teuer und Kaffee relativ günstig und daher gab es anstelle eines Glases Milch – wie es Fiona morgens immer gerne trank – eher mal einen schönen „cafe con leche“.
Vielleicht eine Erklärung für das berühmte lateinamerikanische Temperament…

Carlos, der Familienvater, arbeitete in der ersten Woche, in der wir da waren, 7 Tage durch. Meist war er schon verschwunden, wenn wir noch schliefen und er kam von der Arbeit, wenn es schon lange wieder dunkel war. Wenn er zuhause war konnten wir das in der Regel daran erkennen, dass in dem kleinen Schlafzimmer der Familie äußerst lautstark (weil direkt darunter zwei knatternde Ventilatoren rauschten, die übertönt werden mussten) der Fernseher lief.
Aber sogar für die Kinder war die Dauerberieselung zwischendurch offensichtlich auch etwas zu anstrengend (oder langweilig) und so wurde trotz Hintergrundbeschallung immer mal wieder herumgetobt – bis irgendwann wieder der Blick am Bildschirm kleben blieb und alle vier in wachkoma-artige Zustände zurückversetzte.
Abgeschaltet wurden die Apparate im übrigen erst wieder wenn es Zeit war in’s Bett zu gehen.

Da wir zuhause normalerweise gar kein Fernsehen schauen, fanden Anke und ich die allgegenwärtige Beschallung recht anstrengend. Wir saßen daher fast jeden Abend mit dem Schaukelstuhl vor der Haustür, wie es im übrigen auch fast die ganze Straße tat. Gegen Einbruch der Dunkelheit schob jeder seinen Schaukelstuhl vor die Tür, um den leichten Windzug zu genießen, der gelegentlich durch die Straße zog.
Manchmal unterhielten sich die Nachbarn untereinander, meist aber aber eher nicht – und jeder schaukelte einfach nur so vor sich hin. Schräg gegenüber wohnte ein alter Mann, der Abends immer wieder seine Gitarre in die Hand nahm und leise singend vor sich hin zupfte. Leider ging sein Spiel meist unter in wummernden Bässen und dem Gedudel der Fernseher aus den Häusern. Aber uns gefiel die entspannte Atmosphäre.
Wir wurden ab dem zweiten Abend von allen freundlich gegrüßt und fühlten uns in jedem Fall willkommen in dieser „Straßengemeinschaft“.

Abends sitzt man an der StraßeWeihnachtsdeko sieht man überall

Straßenprozession zu Ehren der Jungfrau Maria

Ganz schön laut am Sonntagmorgen

Weil es Sonntagmorgen war und der Wagen mit der Statue nur bei älteren zu halten schien, um 1-2 Songs zu spielen und 1-2 Raketen abzufeuern,, interpretierten wir den Straßenzug zunächst als „deine Kirche bei dir zuhause“ für alte Menschen. Es stellte sich allerdings heraus, dass diese Prozession auch Teil der Feierlichkeiten zur „conceptiòn de maria“ war – in Nicaragua eine große Sache…

Mal wieder in der Schule

Unser erster Schultag war anstrengend. Nicht für Fiona, aber Anke und ich waren von der Hitze im „Klassenraum“ und dem ununterbrochenem Spanisch-Input völlig platt. Milagro, unsere Leherin, wollte einfach nicht aufhöhren spanisch zu sprechen. Auch Wörter die wir nicht verstanden (was so ziemlich alle waren) versuchte sie uns ausdauernd mit Hilfe von anderen spanischen Wörtern (die wir auch nicht kannten) zu erklären.

Am Nachmittag machten wir dann völlig erschöpft einen kleinen Stadtrundgang durch Granada. Das Ende der in mehrtägigen Feierlichkeiten zelebrierten „Empfängnis der Jungfrau Maria“ („conceptiòn de maria“) sollte am Abend mit einem großen Fest und vielen „Bombas“ gefeiert werden. Für die Nicaraguaner in jedem Fall ein großes Ereignis. Und da wir zusätzlich noch unseren ersten Schultag zu feiern hatten, ließen wir uns spontan für ein „2-für-1“-Cocktail-Angebot in der Happy Hour begeistern.
Alle weiteren Lernpläne wurden nach der ersten Runde noch etwas weiter nach hinten geschoben und wir bestellten eine zweite Runde. Danach war dann klar, dass wir das Erledigen der Hausaufgaben auf den nächsten Morgen vor der Schule vertagen mussten. Ein absolut bewährtes Verfahren, auf das ich mit langjähriger praktischer Erfahrung positiv zurückblicken kann.
Während die Sonne langsam unterging genoßen wir den schönen Ausklang eines anstrengenden und (irgendwie) erfolgreichen Tages – wenn auch nicht unbedingt für unsere Spanischkenntnisse…

Der erste Schultag hat's in sich......wir verstehen nur spanisch

Feierabend-Cocktail

Die Straßenhändler wissen, was gut ankommt

Warten auf das Ergebnis der Blutuntersuchung

Die Kombination aus Hitze und Schule machte uns auch die nächsten Tage noch ganz schön zu schaffen. Das Fieberthermometer zeigte 36,2 Grad an. Keine Ahnung, ob man so messen kann, aber unsere Motivation Granada zu erkunden hat darunter nicht unerheblich gelitten und ist der gemütlichen, kleinen Stadt mit ihrer allgegenwärtigen – für unser Empfinden irgendwie fehlplatziert wirkenden – Weihnachtsdekoration definitiv nicht gerecht geworden.
In unserem kleinen, fensterlosen Zimmer mochten wir aber auch nicht mehr Zeit als nötig verbringen, so dass wir am ersten Wochenende in den Pool eines nahegelegen Hotels flüchteten und uns am zweiten Wochenende komplett aus Granada verabschiedeten, um an der „Laguna de Apoyo“ mit Cocktails in der Hand am sandigen Strand des Kratersees in die untergehende Sonne zu schauen. Und wieder mal fiel das Lernen unter den Tisch…

Laguna de Apoyo

Laguna de ApoyoLaguna de Apoyo

Da unser Zimmer nicht nur fensterlos, sondern Fatimas Haus zu dem auch völlig internetlos war, gestaltete sich die Planung des weiteren Reiseverlaufs etwas schwierig. Die Schule bot uns daher an, die Gastfamilie zu wechseln. Zwar wurden die Bewohner uns als „un poco loco“ beschrieben, aber bei der Aussicht auf mehr Platz und Wifi schien uns das nicht so wichtig zu sein.

Weiter geht’s zur nächsten Familie

Schon am Nachmittag konnten wir umziehen. Die Tür wurde geöffnet und wir betraten den großen Innenhof unseres neuen Zuhauses, um den herum sich hinter dicken Holztüren versteckt, alle Zimmer reihten. Der Hof war ein einziger dichtbeflanzter Garten mit mächtigem Brunnen in der Mitte und die Wände hingen dicht an dicht voll mit unzähligen Gemälden und alten Fotografien. Überall stand und lag altes „Zeug“, wie zum Beispiel ein verstaubtes Grammophon mit verkratzten Schallplatten. Es wirkte irgendwie, als wären wir in einem Museum gelandet.
Was auch sofort in’s Auge sprang, war ein riesiger Plastikweihnachtsbaum, behängt mit knallbuntem Schmuck und die genauso üppige, wie kitschige Weihnachtsdekorationen in allen Ecken. Vom Plastikschneemann über glitzernde Schleifchen und bunte Lichterketten war alles dabei.

Der Empfang war nicht unbedingt freundlich – nennen wir es eher ein wenig desinteressiert. Die Mutter, die auch Fatima hieß, saß mit ihren beiden schon etwas älteren Söhnen zusammen in Schaukelstühlen. Die für nicaraguanische Verhältnisse eher blässlichen Söhne blickten von ihren Laptops hoch und gemeinsam starrten die drei uns mit versteinerter Miene an. Wir brachten unser Gepäck herein und standen dann eine Weile im Hof. Während der eine der Söhne wieder mit seinem Laptop beschäftigt war, starrten Fatima und der andere Sohn uns weiter regungslos an.
Gut, wir waren schliesslich die neuen Besucher in ihrem Haus, also beschloss ich uns erst mal vorzustellen. Fatimas kurzes aber freundliches Lächeln signalisierte wenigstens, dass wir zumindest im richtigen Haus zu sein schienen. Der zweite Sohn nahm meinen Handschlag ohne das Gesicht zu verziehen entgegen, um sich dann auch wieder seinem Laptop zu widmen.
Carlos, ein Angestellter der Familie, nahm sich dann anschließend unserer an und zeigte uns unser Zimmer. Er hielt uns einen kurzen Vortrag, bei dem sein Gesicht zwischen ernsten Blicken und unverständnislosem Grinsen hin und her wechselte. Wir interpretierten das als kleine Einführung zu unseren Gastgebern – verstanden letztlich aber natürlich kein Wort.
Es stellte sich heraus, dass der 64-jährige Carlos nicht der einzige „bedienstete“ der Familie war. Er und der wahrscheinlich genauso alte Daniello wohnten bei der Familie und hatten einen Schlafplatz auf einer Matratze hinter der Küche. Außerdem gab es eine Köchin, eine Haushälterin und einen jüngeren Mann, der immer mal wieder vorbei kam, um alles Mögliche zu machen.

Als wir am nächsten Tag aus er Schule kamen, verstärkte sich unser skuriller Eindruck der Familie noch ein wenig. Die recht gewichtige Fatima lag schlafend in ihrem Schaukelstuhl mit einem Sauerstoffgerät auf der Nase. Die beiden Söhne hielten sich auf der anderen Seite des Hofes auf. Während der jüngere mit regungslosem Gesicht auf seinem Handy tippte, lagen seine Füße auf dem Schoß einer älteren Frau, die ihm die Fußnägel schnitt. Die wöchentliche Maniküre war im Haus. Der ältere Sohn, Humberto, sah uns mit leicht geqäultem Gesichtsausdruck an, während seine Füße in ein Fußbad eingetaucht waren. „She’s good. You like?“ pries er uns die Dienstleistung ebenfalls an.
Die freundliche nicaraguanische Manikür-Dame machte Anke darauf hin ein Angebot, dass sie unmöglich ausschlagen konnte. Ankes breites Grinsen, als sie im Schaukelstuhl Platz nahm und die Füße hochlegte, stellte jedenfalls einen auffallenden Kontrast zu den Mienen der beiden Jungs dar…

Während Humberto die nächsten Tage gelegentlich auch mal ein Wort mit uns wechselte, hatte sein jüngerer Bruder immer nur den gleichen Gesichtsausdruck drauf wenn er an uns vorbei zog. Dabei fixierte sein Blick permament das Handy vor seiner Nase – außer wenn er aß, dann setzte er sich vor den Fernseher.
Fatima sahen wir misteriöserweise nie außerhalb ihres Schaukelstuhls. Sie saß dort wenn wir morgens aufstanden, wenn wir aus der Schule kamen und wenn wir abends in’s Bett gingen. Aber, sie hatte jeden Tag andere Klamotten an. Irgendetwas passierte da also in den paar Stunden in denen wir schliefen..
Erst bei einem großen, von Fatima veranstalteten „Conceptiòn de Maria“-Fest, bei dem rund 70 Besucher im Hof zusammen kamen, sahen wir den Beweis dafür, dass sie und der Stuhl keine permante Einheit bildeten.

Auch wenn wir es etwas merkwürdig fanden, dass Fatima uns trotz eines ganzen Heeres Angestellter nicht erlaubte unsere Wäsche mitzuwaschen und uns stattdessen an eine Wäscherei in der Stadt verwies, stellte sich am Ende doch heraus, dass eigentlich alle ganz nett waren – man wurde nur nicht angesprochen.
Besonders die Angestelten – und da allen voran Carlos – waren unglaublich fürsorglich und hilfsbereit, auch wenn wir fast nie verstanden was sie uns erzählten.

Die Bildergalerie der zweiten Gastfamiliie

Es gibt auch wieder Fenseher

Fatima überwacht die Feierlichkeiten

Alles in allem gehört unser Aufenthalt in Ganada ganz sicher nicht zu unseren Highlights – und besonders das Lernen in der Hitze hat uns ganz ordentlich zu schaffen gemacht. Dazu kamen noch Fieberausfälle bei Fiona (1 Tag) und Anke (1 Woche).
Aber immerhin können wir uns am Ende der 3 Wochen auf spanisch vorstellen, erklären wo wir her kommmen und was wir so machen. Jedes mal wenn ich sage „Soy programmador“ hört sich das für mich ja immer ein bisschen so an, als würde ich, nur mit einem roten Tuch bewaffnet, mit großen Rechenmaschinen in einer Arena kämpfen. Und letztendlich ist dieses Bild ja auch gar nicht so weit weg vom Arbeitsalltag eines Programmierers…

Anke hat sich übrigens bis zuletzt geweigert, Fragen in spanisch zu formulieren, wenn sie nicht explizit Teil einer Spanisch-Lektion waren. Das Milagro die Frage für den Lerneffekt immer wieder auf spanisch wiederholte (es sollte eben möglichst nur spanisch gesprochen werden) quittierte Anke in der Regel nur mit einem „yes“, um dann wieder auf englisch weiter zu quatschen.

Wir waren ganz sicher keine einfachen Schüler, dass steht fest…

Fiona & die Lehrerinnen

Fiona sorgt für UnterhaltungFiona sorgt für Unterhaltung

Weitblick

Der Masaya-VulkanRückfahrt auf der Ladefläche des Trucks - besser als laufen

Nicaragua hat so ziemlich alle alten US-Schulbusse aufgekauft

Der Weihnachtsmann wartet entspannt auf seinen großen Tag

Über den Dächern von Granada - und irgendwo ist immer ein Vulkan

Geschrieben von Bernd | Kategorie: Amerika | ,

 

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