fabfamily.de - Fiona, Anke & Bernd

Mai
2015

Venezuela, 2006
The lost World: Eine Reise in eine andere Welt, I
Mai 2015

Trekking auf den Roraima Tepui, Teil 1

The lost World: Eine Reise in eine andere Welt, I

Haut ganz schön auf die Kacke der Titel, oder? Aber in der Tat ist der Roraima Tepui, mit seinen 2810m einer der höchsten Tafelberge Venezuelas, etwas ganz besonderes. Etwa 80% der Tier- und Pflanzenwelt auf dem Hochplateau sind endemisch – es gibt sie als nur dort oben!

Unsere Ankunft im Canaima Nationalpark fanden wir bereits recht beeindruckend. Kaum gelandet auf der kleinen Piste, die hier ein Flughafen sein sollte, wurden wir auch schon von einem kleinen, wortkargen Venezulaner in Empfang genommen. Wobei das sicher hauptsächlich der Tatsache geschuldet war, dass er kein Englisch und wir kein Spanisch sprachen.

Jedenfalls gelangten wir nach wenigen Schritten an den Strand einer traumhaften Lagune und wurden dort in ein langes, schwarzes Holzkanu mit kleinem Außenbordmotor gewunken, das uns dann, vorbei an im Wasser stehenden Palmen, ganz nah an drei Wasserfällen vorbei führte, um direkt danach am Strand der kleinen Isla Anatoly anzulegen. Direkt am Eingang zum Campamento Bernal.

Die Lagune von Canaima3 Palmen in der Lagune von CanaimaDie Lagune von Canaima - Ankunft im Campamento Bernal

Hinter einem der Wasserfälle in der Lagune
In den Hängematten, die hier unter Wellblechdächern hingen, war unser Schlafplatz für diese Nacht. Und zur Begrüßung gab es dann auch gleich erst mal eine Dose Bier für jeden. Wir waren zum ersten Mal sprachlos, auf unserer gerade begonnenen Venezuela-Reise.

Ansonsten waren übrigens nur noch Steve & Joy, ein Pärchen aus Australien, mit uns im Camp. Ein Erkundungs-Rundgang über die felsigen Wege zu einer noch schöneren und noch größeren Lagune mit noch mehr, noch schöneren Wasserfällen, hinter denen wir sogar lang laufen konnten, machte uns dann das zweite Mal sprachlos – auch weil wir diesen sensationellen Ort scheinbar mit niemanden teilen mussten.
Abends gab’s dann noch ein paar Bierchen zusammen mit den beiden netten Australiern – und eine entspannte Nacht in einer XL-Hängematte unter freiem Himmel.

Zusammen mit Steve & Joy, unserem Guide Joanna und den beiden Bootsführern José & Junior ging’s dann am nächsten Morgen im Einbaum auf dem Rio Carrao Richtung Angel Falls. Da wir gerade Trockenzeit hatten, war der Wasserpegel des Flusses recht niedrig und wir mussten einige Mal aussteigen, um das Boot gemeinsam durch die Stromschnellen zu ziehen. Der Fluß war voller kleiner und großer Felsbrocken und wir standen teilweise doch bis zur Brust im Wasser. Das Ganze bei nicht ganz schwacher Gegenströmung, die mir mehr als einmal die Füsse vom Boden weg riss. Andy machte zwischendurch dann auch gleich mal einen kompletten Abgang, bei dem er zwar reichlich Wasser schlucken musste aber zum Glück unverletzt blieb. Steve kommentierte das nur mit einem trockenen „Good work“.

Durch die Stromschnellen des Rio CarraoNicht alle Boote schaffen es an den Felsen vorbei

Ab uns zu muss auch mal geschoben werdenUnter den Angels FallsUnser Ausblick vom Nachtlager

Unser Camp für eine NachtDer Rückweg zum Campamento

Nachmittags kamen wir dann bei unserem Ziel, dem höchsten frei fallenden Wasserfall der Erde, den Angel Falls, an. Direkt von der Kante des Auyan Tepui stürzt das Wasser hier aus etwa 980m Fallhöhe in die Tiefe.
Was auch nur in der Trockenzeit geht: nach unserer einstündigen Wanderung zum Aussichtpunkt am Fuße der Angel Falls konnten wir direkt unter dem Wasserfall noch ein Bad nehmen – mit grandiosem Blick auf den Rio Churùn und den umliegenden Urwald. Auch ganz nett soweit…

Salto Angel

Salto Angel

Oder auch Angel Falls, der übrigens nicht so heißt, weil er so schön ist (also, von wegen „Engel“ und so), sondern weil er von dem amerikanischen Piloten Jimmie Angel 1935 (wieder-)entdeckt wurde, als dieser auf der Suche nach Gold dort oben auf dem Hochplateau mit seinem Flugzeug eine Bruchlandung hinlegte.

Unser Camp für die Nacht lag dann genau gegenüber des Angel Falls, auf der Isla Ratón am Rio Churùn. Hängematten unter freiem Himmel mit Moskitonetzen waren auch hier wieder völlig ausreichend.
Wir saßen den Abend noch recht lange am Fluss und versuchten trotz zahlreicher Moskitos das „Dschungelfeuerwerk“ mit unzähligen Glühwürmchen zu genießen.

Bei der Rückkehr in’s Camp wurde „unsere“ Lagune von einer Horde Tagestouristen von der Isla Magarita belagert. Etwa 20 bierbäuchige Männer mit freiem Oberkörper, in Badehose und Badelatschen mit passender weiblicher Begleitung. Wir fanden es sehr beruhigend so etwas erst kurz vor unserer Abreise zu sehen…

Am nächsten Tag ging es dann mit einer einmotorigen Cesna noch mal aus der Luft über unsere Lagune und zu den Angel Falls. Durch die ganzen Fallwinde zwischen den Tafelbergen so, wohl keine einfache Flugstrecke und nur bei günstigen Wetterbedingungen möglich. Der Flug an sich verlangte einem schon einiges ab und es schaukelte echt ganz schön. Das war absolut nichts für Andy und seinem empfindlichen Magen, der die Flüge mit den „Kotzbombern“ – wie er sie liebevoll nannte – hier in Venezuela überhaupt nicht vertragen konnte. Die Tüte war in jedem Fall schon am Mund. Als wir direkt am Wasserfall vorbei flogen, rief der Pilot dann nur „Take pictures!“ und öffnete mit einem beherzten Griff hinter sich die Fensterklappe direkt vor meiner Nase. Das kam überraschend und zog echt ganz schön. Ich war froh, dass ich die Kamera an der Handschlaufe festgemacht hatte.
Wirklich viel Ahnung vom Fliegen habe ich ja nicht aber das die beiden Tanknadeln im Cockpit (Haupt- und Reservetank, denke ich mal) während des gesamten Fluges beide unabhängig von einander ständig zwischen ganz voll und ganz leer, meist aber irgendwo dazwischen, hin und her hüpften fand ich schon etwas irritierend. Selbst wenn das prinzipiell nicht weiter schlimm gewesen wäre – woran erkennt denn der Pilot, wie lange der Tank denn noch reicht?
Als wir dann in ein echt heftiges Luftloch sackten, dass der Pilot mit einem lauten „Yippiee!“-Ausruf kommentierte, war’s bei Andy vorbei… Trotzdem, alles in allem ein schöner Rundflug…

Rundflug um den Auyan Tepui...vorbei an den Angel FallsDa unten waren wir baden

Ganz schön groß - die Angel Falls

Als wir endlich in Santa Elena de Uairen, einem kleinen Ort, kurz vor der brasilianischen Grenze, ankamen, war die Freude groß – von hier aus sollte am nächsten Tag die Trekking-Tour starten, der wir so entgegen fieberten.
Der Flughafen lag recht einsam ein paar Kilometer vor Santa Elena de Uairen und der Flughafenterminal bestand lediglich aus einer Art Bushaltestellenhäuschen. Mehr war aber auch nicht nötig, da es das Gepäck direkt beim Aussteigen mit in die Hand gab.

Als erstes galt es mal die Formalitäten zu erledigen. Vor dem Bushäuschen, auf der anderen Straßenseite, war ein großer Schreibtisch aufgestellt, an dem zwei bewaffnete Soldaten saßen und zwei weitere dahinter standen. Da einige die in’s Flughafengebäude rein gingen oder raus kamen dort vorbei gingen, dachten wir, es kann nicht schaden, wenn wir auch mal vorbei schauen würden. Auf halben Wege wurden wir dann auch schon von den Blicken fixiert, so dass ein Beidrehen nun gar nicht mehr möglich war.
Die Pässe wurden sorgsam geprüft und unser Gepäck inspiziert. Bestens gelaunt unterhielten sie sich, während nach und nach alles aus unseren Taschen herausgekramt wurde. Zwischendurch gab es immer wieder Gelächter. Interessiert fragten sie bei meinem UW-Gehäuse, was das denn sein sollte und als sie den Beutel mit Andys schmutziger Unterwäsche fanden war die Inspektion beendet.
Wir durften dann wieder einpacken – und sind uns im Nachhinein nicht mehr ganz sicher, ob sich die netten Soldaten nicht nur einen Spaß erlaubt haben und wir eigentlich gar nicht an ihren Tisch gemusst hätten.

Was uns aber noch mehr beschäftigte: Wieso war hier niemand, der uns abholt? Vereinzelt kamen und gingen Leute. Einmal dachten wir jemanden zu erkennen, der aussah als könnte er uns abholen wollen. War dann aber doch nicht so. Ein weiteres Flugzeug landete irgendwann und wie sich herausstellen sollte, das letzte für diesen Tag. Der Warteraum war schlagartig leer und nach und nach verschwanden alle Menschen. Wir waren allein. So beschlossen wir, rüber zu einer Art Imbissbude zu gehen. Dort saß noch jemand, der eher europäisch als venezolanisch aussah. Wir hatten ihn auch schon ein paar mal vor dem Flughafen lang gehen sehen und sprachen ihn deshalb an.
Es stellte sich heraus – nein, nicht das er derjenige war der uns abholen sollte – sondern, dass er Deutscher war und im Ort ebenfalls eine Trekking-Agentur betrieb. Er sollte eigentlich jemanden abholen, der nicht im Flugzeug war – und jetzt wollte er noch kurz was Essen bevor er wieder fahren wollte. Was für ein riesen Glück! Wir konnten es kaum fassen…
Eric von den Backpacker-Tours nahm uns dann in seinem Geländewagen mit, um uns bei unserer Posada etwas weiter im Hinterland abzusetzen. Während der Fahrt erfuhren wir dann, dass das Ehepaar, dem die Agentur gehörte, die unser Trekking organisieren sollte, sich gerade kürzlich im Streit getrennt hatte. Jeder von beiden führte jetzt quasi die halbe Agentur – aber es gab scheinbar Unklarheiten, wer nun genau welchen Kunden betreuen sollte. Die Kommunikation war wohl eher schwierig in dieser Phase.

Angekommen im Campameto gab uns der, ebenfalls deutsche, Besitzer ein paar Telefonnummern, die wir der Reihe nach immer wieder erfolglos abtelefonierten. Am anderen Morgen versuchte ich es gleich wieder weiter – und war total sauer, weil ich unsere Tour schon dahinschwinden sah. Während ich mit dem Hörer am Ohr auf der Terrasse saß, fuhr ein Geländewagen vor und eine indianisch aussehende Frau, etwa Mitte 40, mit Kopftuch, tarnfarbenem T-Shirt und blauer Jogginghose stieg aus. Das war Balbina, unser Guide…
Mit dabei hatte sie die weibliche Hälfte der Agentur. Beide stellten sich kurz vor und dann fragte Balbina uns auf deutsch, ob wir denn fertig wären zum Abfahren. Wir haben glaube ich beide etwas verdutzt „Ja“ gesagt – und schon ging’s los…

Zunächst fuhren wir zu irgendwem von den beiden nach Hause, um noch irgendwelchen Kram für die Tour zu holen. Dann tauschten wir etwas später noch Mireille, die (halbe) Agentur-Chefin gegen einen Fahrer aus und es ging los zu unserem Startpunkt in Paraitepuy, einem kleinen Dörfchen der Pemon-Indianer. Balbina bat uns in dem Dorf niemanden zu fotografieren, weil der Glaube, dass einem die Seele dabei geraubt würde, hier noch weit verbreitet war. Zwar nicht bei allen, aber doch schon noch bei den Älteren. Fand ich wirklich sehr abgefahren, dass es das so wirklich noch gibt. Ich hab dann auch brav nur die Häuser fotografiert – konnte mir aber nicht verkneifen 1-2 Seelen im Vorbeigehen wegzufangen…

Wir werden doch noch abgeholtAuf zum Startpunkt der Tour nach ParaitepuyParaitepuy - Fotografieren der Menschen nicht erwünscht

Und dann ging es los, durch die Graslandschaft der Gran Sabana. Unser erstes Ziel war das 12km entfernte Camp am Rio Ték. Die Wanderung über die grünen Hügel wurde uns verkürzt, durch jede Menge interessante Geschichten zu allem was wir sahen. Zum Beispiel den großen Blattscheiderameisen, von denen man sich beißen lassen kann, weil deren Gift einen schneller laufen lässt. So sagt man bei den Pemon. Sie hat’s uns vorgemacht und wir haben uns dann natürlich auch mal beißen lassen. Hat erst ganz schön gezwickt und dann recht lange gebrannt. Und Andy hat wohl etwas allergisch reagiert, weil die Bißstelle bei ihm ganz schön dick geworden ist und auch über Tage hinweg jeden Tag in einer anderen Farbe geleuchtet hatte.

Wanderung durch die Gran Sabana

Unterwegs lernten wir dann auch unsere beiden Träger, ein frisch verheiratetes junges Pemon-Pärchen, kennen. Die beiden waren schon mal vorgegangen und wir hatten sie ein Stück vor dem Camp eingeholt. Die beiden wirkten sehr schüchtern. David war 21 und seine Frau Jaheira 17. Das waren also unsere Träger. Ok. Und wer sich jetzt fragt, ob das nicht noch unter Kinderarbeit fällt – eine werdende Mutter kann man sicher nicht mehr als Kind bezeichnen. Jaheira war nämlich schwanger.
Wir erfuhren das alles erst so nach und nach im Laufe der folgenden Tage. Balbina erzählte uns, dass sie die beiden engagiert hatte, da es für die werdende Familie eine Gelegenheit war gutes Geld zu verdienen. Und es war auch wirklich so, dass Jaheira so gut wir gar nichts tragen musste – das übernahm alles David.

Badewanne und Trinkwasser beim CampÜber Wiesen...

...und durch FlüßeDas Ziel liegt direkt vor uns - gut zu sehen: die Rampe für den AufstiegDas Camp für die 1. Nacht

Im Camp angekommen konnten wir dann im eiskalten Wasser des Rio Tek baden und unser Trinkwasser holen. Wichtigste Regel dabei: Pinkeln und so weiter unbedingt immer flussabwärts der Wasserabfüllstelle erledigen. Größere Geschäfte konnte man auf der Wiese verrichten. Klopapier gab es keins – dafür aber jede Menge Savannengras. Und wie sich am Morgen herausstellte, war es wesentlich angenehmer, das vom Morgentau behangene Gras zu verwenden, als das in der Abendsonne bereits getrocknete.

Am Abend saßen wir dann unter einem grandiosen Sternenhimmel, umringt von tausenden von Glühwürmchen, die überall im Gras umher flogen. Die Savanne leuchtete (WOW-Faktor: 6,5). Und als wäre das alles nicht schon Hammer genug, gab es von Balbina noch ein paar Geschichten über alte Indianerlegenden.

Sonnenuntergang über der Gran Sabana

Geschrieben von Bernd | Kategorie: Andere Reisen |

 

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